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Als Berater und Architekt für komplexe IT-Infrastrukturen begegne ich immer wieder einem Phänomen, das ich den „Infrastruktur-Bias“ nenne. Einfach ausgedrückt: Wir nehmen funktionierende Infrastrukturen als selbstverständlich hin und verlieren mit der Zeit den Blick für die Kunst und Komplexität, die hinter ihrer Zuverlässigkeit steckt.
Niemand ruft abends bei seinem Energieversorger an, um sich für einen weiteren Tag mit stabilem Strom zu bedanken. Doch wer das europäische Verbundnetz versteht, weiß, dass an manchen Tagen im Jahr genau das gerechtfertigt wäre. Wenn französische Atomkraftwerke wegen überhitzter Flüsse vom Netz gehen, öffnen Ingenieure in der Schweiz die Wehre von Wasserkraftwerken, um die Netzfrequenz bei exakt 50 Hertz zu halten – ein Meisterwerk der Koordination, das für den Verbraucher völlig unsichtbar bleibt.
Ein Gegenbeispiel, das wir alle kennen, ist die Deutsche Bahn. Mit über 33.000 Kilometern betreibt Deutschland das dichteste Schienennetz Europas. Dass dieses System trotz seiner Komplexität überhaupt funktioniert, ist eine enorme Leistung. Doch die Probleme sind offensichtlich: Ein Engpass auf einer Hauptstrecke wie dem Rheintal hat Auswirkungen auf das gesamte Netz. Züge stehen im Stau, da dynamische Ausweichmanöver kaum möglich sind.
Die Überlastung und der Investitionsstau sind so offensichtlich, dass jeder Fahrgast das Bedürfnis nach mehr Kapazität und Modernisierung nachvollziehen kann. Forderungen nach mehr Geld für die Schiene stoßen daher auf breite Zustimmung.
Bei den meisten IT-Infrastrukturen fehlt dieser „Deutsche-Bahn-Effekt“. Die Systeme sind oft nicht so alt wie das Schienennetz, und engagierte Administratoren sorgen mit hohem Einsatz dafür, dass alles reibungslos funktioniert. Für den Benutzer ist kein Leidensdruck spürbar: Anwendungen laufen, E-Mails kommen an, und die IT scheint einfach zu „funktionieren“.
Hier schlägt der Infrastruktur-Bias voll zu:
•Physische Unsichtbarkeit: Server, Switches und Firewalls sind in Schränken verborgen und werden regelmäßig ausgetauscht, ohne dass jemand davon Notiz nimmt.
•Immaterielle Unsichtbarkeit: Noch unsichtbarer sind die immateriellen Komponenten. Active-Directory-Strukturen, Berechtigungssysteme oder Kernanwendungen sind oft Jahrzehnte alt, ohne dass ihre Architektur jemals grundlegend modernisiert wurde.
Diese Unsichtbarkeit führt dazu, dass die IT-Infrastruktur still vor sich hin leidet. Entscheidungsträger sehen nur die funktionierenden Anwendungen und nehmen an, alles sei in bester Ordnung. Die zugrunde liegende Komplexität und die potenziellen Risiken bleiben verborgen.
Genau diese Unsichtbarkeit birgt die größte Gefahr. Längst überfällige Erneuerungen der Architektur, Sicherheitsüberprüfungen oder Updates werden aufgeschoben, weil der unmittelbare Bedarf nicht erkannt wird. Doch irgendwann kommt der Tag, an dem ein Systemausfall erheblichen Schaden anrichtet oder, im schlimmsten Fall, ein Ransomware-Angriff den gesamten Betrieb lahmlegt.
Dann ist guter Rat teuer, und die Kosten übersteigen die eingesparten Investitionen um ein Vielfaches. Die Frage ist nicht, ob ein solches Ereignis eintritt, sondern nur, wann.
Dem Trugschluss, „uns wird schon nichts passieren“, darf kein Unternehmen erliegen. Stattdessen ist ein Umdenken erforderlich:
1.Für Entscheidungsträger: Entwickeln Sie ein grundlegendes Verständnis für die Komplexität Ihrer IT-Infrastruktur. Betrachten Sie IT nicht als Kostenstelle, sondern als strategisches Fundament Ihres Geschäfts. Fordern Sie regelmäßige und verständliche Berichte über den Zustand und die Risiken Ihrer Systeme an.
2.Für IT-Manager: Machen Sie die unsichtbare Arbeit sichtbar. Übersetzen Sie technische Risiken in Geschäftssprache. Nutzen Sie Kennzahlen und Analogien, um den Wert und die Notwendigkeit von Investitionen in die Infrastruktur zu verdeutlichen. Warten Sie nicht, bis es zu spät ist.
Beide Seiten müssen aufeinander zugehen und die „Kunst“ der jeweils anderen Disziplin respektieren. Nur so kann der Infrastruktur-Bias überwunden und die digitale Zukunft Ihres Unternehmens nachhaltig gesichert werden.